Die heutige Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Kiew ist eine Nachfolgerin der alten deutschen evangelischen Gemeinde in Kiew. 2007 feierte sie ihr 240. Jubiläum: Im August 1767 hielt zum ersten Mal ein deutscher Pfarrer in Kiew für einige deutsche Einwohner einen lutherischen Gottesdienst. Dieser erste Gottesdienst fand in einem Gebäude statt, das noch heute steht. Es ist dies die erste bürgerliche Apotheke der Stadt, jetzt ein schönes Apothekenmuseum in einem der ältesten Teile der Stadt, im Podol. Ihr Besitzer war ein Deutscher namens Geiter, der ein Privilegium zur Eröffnung der Apotheke vom Zaren in St. Petersburg gekommen hatte. Sein Schwiegersohn Georg Bunge, auch ein Apotheker, war der Gründer der Kiewer Gemeinde.
Die erste schriftliche Erwähnung der Gemeinde finden wir in der „Lebens- und Reisegeschichte“ von Johann Jakob Lerche, herausgegeben in Halle 1791.

Eine kleine Gemeinde mit großen Namen

Die ersten Gemeindeglieder in Kiew waren der Apotheker mit seiner ganzen Familie sowie Handwerker und Bedienstete. Allerdings gehörte die Hälfte der Gemeindeglieder zum Militärstand.
In den Kirchenbüchern finden wir eine ganze Reihe berühmter Namen, teils aus der Gemeinde, teils als Taufpaten der Kinder von Offizieren.
Der erste Pastor der Gemeinde hieß Christoph Leberecht Grahl. 1767 wurde er vom Apotheker Bunge als Hauslehrer für seine zwölf Kinder nach Kiew eingeladen. Man bewog ihn nicht nur kirchliche Vorträge zu halten, sondern auch geistliche Funktionen zu übernehmen, wozu sonst weit und breit niemand in der Lage war. Hierzu wird ihn hauptsächlich Bunge selbst veranlasst haben. Er hatte zu ihm soviel Vertrauen, dass er ihm sogar wenige Jahre später seine Tochter zur Frau gab. Die Seelenzahl, welche der gewählte Pastor zu bedienen hatte, war klein und dürfte zusammen mit durchreisenden deutschen Kolonisten ungefähr 300 betragen haben.
Pastor Grahl taufte nicht selten Kinder, deren Vater – zuweilen sogar beide Eltern -römisch-katholisch waren; auch Trauungen und Beerdigungen vollzog er an katholischen Christen. Denn bei der Abtretung der Stadt an Russland (definitiv 1686) waren die Polen aus Kiew geflohen. Auch ihre Kirchen und das Dominikanerkloster hatte man enteignet. Die wenigen verbliebenen Katholiken waren deshalb ohne geistlichen Beistand. Erst 1799 gab es wieder einen Vikar für sie.
Grahl richtete auch sogleich bei Übernahme seiner geistlichen Funktionen ein solides Kirchen buch ein, beginnend mit dem 1. August 1767 – 10. Post Trinitatis -, wo er alles eintrug.
Im Jahr 1787 kam die Kaiserin Katharina II. nach Kiew und hielt sich hier den ganzen Winter über auf. Während ihrer Anwesenheit bestimmte sie für Pastor Grahl und seine Nachfolger ein jährliches Gehalt von 300 Rubel. Ihr weitschauender politischer Blick erkannte in dieser Stadt ohne Zweifel auch einen Zentralpunkt für zukünftigen Handel und Verkehr. Kiew sollte Kolonisten, Fabrikanten, Handwerker und Kaufleute in diese Gegend ziehen, und für all diese musste die Nähe eines deutschen Pfarrers ein Beweggmnd mehr zur Ansiedlung sein.
Der Gründer der Gemeinde, der Apotheker Georg Friedrich Bunge, starb 1792.
Sieben Jahre nach seinem Schwiegervater starb auch Pastor Grahl am 30. März 1799 im Alter von 57 Jahren, nach 32 Jahren im Predigtamt.
Am 30. November 1799 trat PastorWillhelm Ferdinand Bauerschmidt sein Amt an.
Aus dem Jahr 1800 liegt das erste Kollektenbuch mit jährlichen Beiträgen vor.
Bauerschmidts Aufzeichnungen über seine geistliche Tätigkeit sind sehr mangelhaft. Dennoch hieß es später, dass sich damals die deutsche Gemeinde bedeutend vergrößert habe durch Verlagerung einer großen jährlichen Messe nach Kiew, allgemein die Kontrakte genannt. Von ihr hat der größte Platz im Podol – der »Kontraktowa« -seinen Namen.
Jetzt aber finden wir zum ersten Mal einen Kirchenvorsteher, der die ökonomischen Angelegenheiten verwaltet. Das waren Christian Müller, Johann Just Carle, Johann Emanuel Berger. Diese Kirchenvorsteher hatten einem Kirchenältesten gegenüber Rechenschaft abzulegen. Als solche werden 1798 der Apotheker Friedrich Bunge, 1805 der Architekt Johann Helmer, 1806 wieder Bunge und 1807 der Hofrat G. A. Fuhrmann erwähnt.
Pastor Bauerschmidt war kränklich und starb nach langem Krankenlager 1810, im 44. Lebensjahr und im elften Jahr seiner Amtsführung. Der verwaisten Gemeinde nahm sich der Apotheker Andreas Bunge.
Im Februar 1811 wurde auf Anordnung des Kultusministers eine Zählung sämtlicher Mitglieder der Gemeinde vorgenommen. Es gab damals 318 Seelen in 138 Familien. Dem Stande nach zählte man 49 Militärs, darunter drei Generäle, und 51 Zivilbeamte; diese machten also zusammen ein Drittel der Gemeinde aus. Ferner zählte man aus dem Gelehrtenstand 28 Personen, 15 Kaufleute, 13 Künstler und Fabrikanten und 126 Handwerker, darunter sechs Schneider, vier Schuhmacher, fünf Schmiede, acht Sattler, fünf Stellmacher, sieben Tischler und zwei Bäcker.

Der Neuanfang auf dem »Deutschen Berg«

am 9. Juli 1811 Der älteste Stadtteil Podol brannte in einer furchtbaren Feuerbrunst ab. Mit dem Podol verbrannte auch die erst vor siebzehn Jahren errichtete hölyerne lutherische Kirche.
Zum Anfang des Monats März 1812 der neue Prediger, Justus Friedrich Eismann, kam in Kiew an.
Die neue hölzerne Kirche wurde 1812 auf dem sogenannten »Deutschen Berg« errichtet, wo sich später viele Deutsche Häuser bauten. Die Gemeinde hatte damals bei den städtischen Behörden ein großes Grundstück gekauft. Später wurde hier auch ein Friedhof angelegt und ein Pfarrhaus, ein Armenhaus, ein Schulhaus und Wirtschaftsgebäude kamen in den folgenden Jahren dazu.
Die Gemeinde zählte nach den ersten fünfzehn Jahren der Tätigkeit von Pastor Eismann noch immer in der Stadt nur etwa 300 Seelen.
1834 wurde in Kiew die erste Universität eröffnet. Da nicht genügend einheimische Lehrkräfte zur Verfügung standen, wurden in der ersten Zeit viele Deutsche angestellt.
Die regelmäßige jährliche Sammmlung, die die Kirchenvorsteher persönlich zu organisieren hatten, erbrachte je nach der Sorgfalt, mit der sie durchgeführt wurde, zwischen 150 und 380 Rubel. Der Ertrag des Ofertellers in der Kirche betrug jährlich ungefähr 50 Rubel und hing in erster Linie von der Zahl der Gottesdienstbesucher ab. Eine andere Einnahmequelle der Kirche waren die Traueranzüge für die Leichenträger und die schwarzen Behänge für den Leichenwagen, der vermietet wurde. Auch hier war der Ertrag unterschiedlich und schwankte zwischen 22 und 233 Rubeln jährlich. Nach und nach wurde der Leichenwagen immer häufiger in Anspruch genommen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich zeitweise alle anständigen Kiewer Bürger auf dem lutherischen Leichenwagen zu Grabe fahren ließen. Es war dies der einzige Leichenwagen der Stadt. So kam es vor, dass sogar ein Priester der orthodoxen oder römisch-katholischen Kirche für seine letzte Fahrt den lutherischen Leichenwagen benutzte. Dabei war die Taxe gering; sie betrug höchstens 100, doch oft auch nur 20, 15 oder 10 Rubel.
1835 mitten durch das Grundstück hindurch zwischen der Kirche und dem Pfarrhaus eine steile Straße den Berg hinab zum Krestschatik gezogen. Die Straße erhielt den Namen Lutherische Straße.
Das Jahr 1833 war für die ganze evangelische Kirche in Russland ein wichtiges Jahr. Es wurde für sie ein neues Gesetzbuch unter dem Namen »Kirchenordnung« eingeführt. Eine neue, für alle Gemeinden gültige Gottesdienstordnung trat in Kraft, ebenso die Anweisung, dass die Pfarrer einen Talar zu tragen haben.
Nach einem 30-jährigen Dienst als Pastor in Kiew gestalteten sich die letzten Lebensjahre für Justus F. Eismann schwierig. Sein Predigtstil erregte bei den zugezogenen Professoren Anstoß. Auf Grund der Beschwerden zweier Offiziere forderte der damalige Generalgouverneur, General Bibikow, 1838 den Rücktritt Eismanns. Beim Konsistorium in St. Petersburg ging eine Beschwerde voller Anschuldigungen ein,
Eismann bat er im November 1840 um seine Pensionierung. Zurzeit hatte er am 13. September 1841 das seltene Fest seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums feiern können.
Auf den 24. April 1842 datiert die Entlassung Eismanns aus dem Amt, aber die Geschäfte musste er noch bis Anfang des nächstes Jahres fortführen, da sich die Ankunft eines Nachfolgers hinzog.. Am 10. Juli 1846 starb er, 78 Jahre alt. Sein, 1824 geborener Enkelkind, Gustav Adolph Eismann, wurde Professor der Rechte an der Universität und später sogar Stadtoberhaupt von Kiew.
Schon ab September des Jahres hatte Pastor Friedrich-Wilhelm Wasem den erkrankten Pastor Svenson vertreten.

Jahrzehnte des Wachstums der Gemeinde

1838 wurde der erst seit 26 Jahren genutzte Friedhof der Gemeinde weggenommen. Es sollten dort Festungswerke angelegt werden. Der neue Platz, der der Gemeinde übergeben worden war, lag auf dem Baikowschen Berg.
Pastor Abel kam im Januar 1843 nach Kiew und wurde im Auftrag der geistlichen Obrigkeit am 13. Februar durch den Kirchenrat eingeführt.
Die finanziellen Verhältnisse der Kirche besserten sich seit dem Dienstantritt Abels
erheblich.
Das Wachstum der Gemeinde während dieser Zeit schlug sich auch in der Zahl der kirchlichen Amtshandlungen nieder. Pastor Abel hielt durchschnittlich 65 Taufen und 36 Beerdigungen im Jahr. Die Zahl der jährlichen Konfirmanden lag zwischen 17 und 53, Trauungen wurden jährlich von 8 bis 23 Paaren erbeten. Ein bedeutendes Ereignis im Leben der Gemeinde war der Bau der steinernen Kirche, die im August 1857 eingeweiht werden konnte.
Ende Januar 1859 erkrankte er an einer Lungenentzündung und starb am 5. Februar, erst 58 Jahre alt.
Noch als sich der Kirchenrat – in der Annahme, er habe das Wahlrecht – um einen neuen Prediger bemühte, traf aus St. Petersburg Pastor Adjunkt (Hilfsprediger) Alexander Svenson ein, vom Konsistorium als Vikar gesandt.
Noch als sich der Kirchenrat – in der Annahme, er habe das Wahlrecht – um einen neuen Prediger bemühte, traf aus St. Petersburg Pastor Adjunkt (Hilfsprediger) Alexander Svenson ein, vom Konsistorium als Vikar gesandt.
Nachdem Pastor Svenson 14 Jahre in Kiew gewirkt hatte, zeigte sich, dass er schon lange sehr krank war. Er starb am I 28. November 1873. Alexander Fromhold Svenson, als Sohn eines Predigers in Kur-land geboren, war nur 44 Jahre alt geworden. So ernannte die Behörde am 17. Juni 1874 Wasem zum Pfarrer in Kiew. Durch seinen Bruder Pastor Heinrich Wasem aus Shitomir wurde er am 28. Juli in aller Form eingeführt. Friedrich-Wilhelm Wasem wirkte bis 1908 in Kiew. Von 1873 bis 1886 war er auch Religionslehrer an allen Kiewer Gymnasien, am Adligen Fräulein-Institut und am Kadettenkorps. Er starb am 15. April 1911 in Kiew.
Mit dem Bericht über den Bau des Armenhauses schließt die Chronik, die 1882in deutscher Sprache in Kiewerschien. Ihr Verfasser Nikolaus Neese (1819 bis 1889) stammte aus Riga und lebte seit 1854 als Aphoteker und Adjunkt-Professor an den Universität in Kiew; zeitweise gehörte er auchdem Kirchenrat an.

Rückschläge und Erfolge beim Aufbau des kirchlichen Schulwesens
Seit dem Jahr 1834, als die Universität eröffnet worden war und die Zahl der Gemeindeglieder stetig zugenommen hatte, hatte sich der unermüdliche Pastor Eismann um eine Kirchenschule bemüht.
Am 10. November 1852 wurde die Schule feierlich eingeweiht und erhielt den Namen Martinschule. Jährlich wurde an diesem Tag – dem Gedenktag des Heiligen Martin – ein Fest begangen.
Nachdem die Gemeinde sieben Jahre lang durch den Kirchenbau in Anspannung und Aufregung gehalten worden war, wurde 1861 eine neue große Aufgabe in Angriff genommen: der Bau eines eigenen Schulhauses.
Am 13. Juni 1862 wurde der Grundstein zu diesem Gebäude gelegt. Die Einweihung vollzog der damalige Generalsuperintendent Richter, der gerade zur Visitation anwesend war. Im September 1864 konnte die Schule mit staatlicher Erlaubnis eröffnet werden. In den nächsten Jahren stieg die Anzahl der Schüler auf 120 (1869). Später wurde die Schule erweitert. In einem Teil des Gebäudes befand sich das Mädchengymnasium, im anderen die Realschule für Knaben.

Gemeinde im Umbruch der Revolutionsjahre

1909 kam Heinrich Junger als Pastor nach Kiew. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 verschlechterte sich die Lebenssituation nicht nur für die deutschen Staatsbürger, die in Russland lebten, sondern auch für deutschstämmige russische Untertanen. In der Zeit, als Pastor Junger an der St. Katharinenkirche tätig war, wurde Kiew sogar vorübergehend Sitz der Kirchenleitung und Pastor Junger der leitende Geistliche einer unabhängigen lutherischen Kirche in der Ukraine.
Nach alle Ereignisse, die Ukraine und lutherische Fließung, verließ Pastor Junger Kiew und ging nach Berlin. 1923 reiste er nach Schweden weiter. Dort stand er noch viele Jahrzehnten als Pfarrer in hohen Ansehen und starb erst 1963 in Nyköping.
Im Januar 1919 verabschiedete die ukrainische Sowjetregierung das Dekret über die Trennung der Kirche vom Staat. Das ganze Kirchenvermögen wurde zum Volkseigentum Erklärt, jedoch im Punkt 13 wurde darauf hingewiesen, dass die für Gottesdienstliche Zwecke bestimmten Gebäude und Gegenstände nach einem besonderen Beschluss der Behörde zu kostenlosen Benutzung den religiösen Gesellschaften übergeben werden können.
Dem Bittgesuch der Gemeinde wurde stattgegeben. Um die Gemeinde registrieren zu lassen, legte der Kirchenvorstand am 9. August 1920 ein neues Statut, eine Inventarliste von 194 gottesdienstlichen Gegenständen in der Kirche und die Liste der Kirchenvorsteher dem Revolutionskomitee des Gouvernements vor. Unter den 13 Mitgliedern des Kirchenvorstands befinden sich auch die zwei Pastoren Heinrich Junger und Richard Königsfeld.
Seit 1914 war Richard Königsfeld als Hilfspastor in Kiew tätig, von 1920 bis 1932 als Pastor. Am 4. Oktober 1932 verstarb er.
Am 23. März 1919 war die Lutherische Straße in Engelsstraße umbenannt worden. Die lutherische Kirche in dieser Straße war zwar zum Volkseigentum erklärt worden, doch noch fast zwanzig Jahre durfte sie als Kirche genutzt werden, obwohl sie immer mehr verfiel.

Der Untergang der Kiewer Gemeinde im Stalin-Terror

Als Stalin die Macht im Staat ergriffen hatte, wurde das sozialistische Programm auf allen Lebensgebieten rigoros durchgeführt. Der erste Fünfjahresplan von 1928 bis 1933 traf vor allem die wohlhabenden Bauern und die Intelligenz in den Städten. Die Glieder der evangelischen Gemeinden – in den Städten wie Kiew und Odessa sowie in den großen Dörfern entlang der Schwarzmeerküste – gehörten überwiegend zu diesem Personenkreis.
Genau in dieser Situation begann der letzte Pastor der Kiewer Gemeinde vor ihrer Auflösung seinen Dienst. Johann Göhring wurde am 7. Juni 1876 in Alexanderhof im Gouvernement Jekaterinoslaw geboren. Er war als Stadtmissionar in Odessa tätig, bis 1929 studierte er am Predigerseminar Leningrad. Nach der Ordination war er von 1929 bis 1935 (?) Pastor in Kiew, von 1933 bis 1935 wird er auch als Pastor in Novograd-Volynsk erwähnt. Das genaue Jahr seiner Verhaftung steht nicht fest; eine
Quelle nennt 1935, andere Nachrichten lassen das Jahr 1936 oder 1937 vermuten. Er wurde zum Tode verurteilt und später zu 10-jähriger Verbannung nach Karelien be
gnadigt. Dort erblindete er und verhungerte schließlich. Damit gehört auch Kiews letzter Pastor aus der alten Zeit zu den Märtyrern des evangelischen Glaubens in den Jahrzehnten des kommunistischen Terrors.

Die neue Geschichte

Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre ereigneten sich in der Sowjetunion grundlegende demokratische Veränderungen, und Angehörige verschiedener Nationalitäten und Konfessionen, die bisher vom Regime verfolgt worden waren, konnten die ihnen zurückgegebenen Rechte nutzen.
So fand im September 1989 in Kiew die erste allukrainische Konferenz der »Sowjetdeutschen« statt, in der die Deutschen der ganzen Ukraine den Wunsch äußerten, ihre Traditionen wiedererstehen zu lassen, die zum großen Teil in der Zeit der Sowjetmacht verloren gegangen waren. Einer der Beschlüsse, der schon einige Tage später in einer Versammlung der Deutschen in Kiew gefasst wurde, sah vor, die evangelischlutherische Gemeinde wiedererstehen zu lassen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Kirche zurückzuerhalten. Mit dieser Angelegenheit wurde Ida Welsch betraut, da sie noch vor der Revolution in einer deutschen evangelisch-lutherischen Kirche im Wolgagebiet getauft und später auch konfirmiert worden war. Auch Diana Jewdokimenko, die sehr an einer Neugründung der Gemeinde interessiert war, stammte aus einer solchen Gemeinde.
Im November desselben Jahres 1989 fuhren Frau Jewdokimenko und Frau Welsch nach Riga. Dort trafen sie sich mit Bischof Harald Kalnins, dem geistlichen Oberhirten der neu gegründeten lutherischen Kirche in der Sowjetunion. Bischof Kalnins gab ihnen wichtige Ratschläge und seinen Segen zur Gründung der Gemeinde.
Nach der Heimkehr begann das Sammeln von Unterschriften für die Registrierung der Gemeinde und im Frühjahr 1990 wurden auf einer ordentlichen Versammlung der »Wiedergeburt« 42 Unterschriften für die Neugründung der lutherischen Gemeinde in Kiew gesammelt.
Es gelang erst im Dezember 1990, die Gemeinde zu registrieren. Das Statut der Gemeinde wurde im September 1991 bestätigt. Ihm lag das alte Statut zugrunde, das in einem der Stadtarchive entdeckt worden war. Es wurde danach ein sechsköpfiger Gemeinderat gewählt – der erste in der »neuen« Epoche. Diana Jewdokimenko wurde wohlverdient zur ersten Vorsitzenden gewählt, und Ida Welsch, die Älteste der Gemeinde, trat in den Gemeinderat ein.

Im Laufe des Jahres 1990 wurden die ersten Schritte im geistlichen Leben der Gemeinde gemacht. Per Post kam aus Lettland die nötige Literatur wie Bibeln, Katechismen und Gesangbücher. In diesem Jahr begannen die Gottesdienste, aber vorerst nur unregelmäßig, wobei der erste Prediger ein Seminarist aus Riga – Konstantin Mamberger – war, der aber nicht oft kommen konnte. Wenn er jedoch kam, wurden alle Gemeindeglieder per Telefon zum Gottesdienst eingeladen. Erst Anfang 1991 gelang es, mit der Verwaltung des Museums eine Vereinbarung zu treffen, dass Gottesdienste n der Kirche gefeiert werden durften. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden sie dort gehalten, wo man gerade einen Raum finden konnte. »Wenn wir die Gottesdienste in den Sälen verschiedener Organisationen feierten, in denen oft ein Bild von Lenin an der Wand hing, drehten wir es einfach um, bevor der Gottesdienst begann,« erinnert sich Ida Welsch.
Im September 1990 kam im Rahmen der Arbeit der Partnerstädte eine Gruppe aus München nach Kiew. Als Prodekan Dr. Helmut Ruhwandl, der zu der Gruppe gehörte, erfuhr, dass es in Kiew eine deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde gibt, bekundete er Interesse, sich mit ihren Mitgliedern zu treffen. Das Gespräch fand nach einigen Tagen statt. An ihm nahmen etwa zwölf Mitglieder der Gemeinde teil.
1991 wurden die Gottesdienste immer noch sehr unregelmäßig gefeiert, aber jetzt schon im kleinen Ausstellungsraum des Museums, das sich in der Kirche befand. Um dort hineinzukommen, musste man sich jedes Mal im Voraus mit der Wache des Museums absprechen und die Stühle mussten in der naheliegenden Schule geholt werden. im diesem Jahr führten Prodekan Dr. Ruhwandl, Prof. Dr. Georg Kretschmar aus St. Petersburg und Pfarrer Adolf Winter aus München mehrmals die Gottesdienste :durch.
Im Oktober 1991 erfolgte der auf Anregung von Prodekan Dr. Ruhwandl organisierte Besuch der aktivsten Glieder der Kiewer Gemeinde in München, der sie mit dem Leben der lutherischen Gemeinden in Deutschland, ihrer Struktur und der Diakonie bekannt machen sollte.
Im November desselben Jahres nahmen Delegierte der Gemeinde an der Konferenz aller christlichen Konfessionen der Ukraine teil. Besuchsweise nahm auch der einen Monat später zum Präsidenten der Ukraine gewählte Leonid Krawtschuk teil. Er erklärte, dass alle Kirchengebäude den Gemeinden möglichst schnell zurückgegeben werden müssten.
Mit der Ankunft des ersten Pfarrers aus Deutschland, Hans Martin Nägelsbach aus Augsburg, im Mai 1992 war die Periode der Neugründung der Gemeinde abgeschlossen und es begann die Zeit des geistlichen Wachstums, die bis heute andauert.